Mittwoch, 7. Juni 2017

Nähe und Distanz

Ein Thema, das im Leben vieler Paare eine entscheidende Rolle spielt ist das Thema "Nähe und Distanz". Klar gibt es Paare, die da gleich ticken, die beide sehr viel Zeit miteinander brauchen und wollen. Was aber, wenn die Bedürfnisse unterschiedlich sind? Oder wenn sich eine Veränderung der Lebensumstände ergibt, die zu unterschiedlichen Bedürfnissen führt?

Gerade, wenn kleine Kinder da sind, die ein Elternteil sehr in Beschlag nehmen und viel körperliche Nähe brauchen, kann es vorkommen, dass die Nähe-Wünsche des Partners als "zu viel" empfunden werden. Hat der Andere in einer solchen Situation ein besonders starkes Nähe-Bedürfnis, fühlt er sich zurückgesetzt und nicht mehr wahrgenommen. Statt Gejammer wünscht sich der Andere wiederum Unterstützung und Wertschätzung und so weiter. Schnell fallen böse Worte und es entsteht ein Teufelskreis aus Verletzungen, aus dem das Paar nur schwer herausfindet.

Warum ist das Bedürfnis nach Nähe und Distanz so unterschiedlich? Natürlich spielen hier eigene Bindungserfahrungen aus der Kindheit eine Rolle. Gerade eher unsicher gebundene Menschen, vermissen (unbewusst) die Basis, die ihnen die Freiheit gibt, in sich selbst zu ruhen und suchen oft nach einem sehr engen Kontakt zum anderen, wollen in der Beziehung verschmelzen.
Das kann, wenn ein Paar unterschiedlich tickt, dem Anderen schnell zu viel werden. Denn werden Distanzwünsche missachtet, entsteht ein Gefühl von Abwehr und Überforderung.
Jemand der sich viel Distanz wünscht, kommt vielleicht aus einer Familie, die wenig Rücksicht auf Autonomiewünsche nahm und viele Regeln vorgab. Um so wichtiger wurde das Abgrenzen, um sich weiter entwickeln zu können.
Wie immer in der Psychologie, kann meistens nicht eine Ursache genannt werden, die alles erklärt.
Fest steht aber, dass Nähe- und Distanzmuster sich schon sehr früh festigen und im Laufe des Lebens nur wenig veränderbar sind.

Beziehungen sind definiert durch ein gewisses Maß an Nähe, denn mit unserem Partner leben wir ja nicht, wie mit unseren Arbeitskollegen oder entfernten Bekannten. Es besteht eine besondere Bindung, die es zu nähren und zu pflegen gilt, damit sie uns im Alltag nicht abhanden kommt.
Das Gottman-Institut (gegründet von dem amerikanischen Psychologenpaar John und Julie Gottman, die sich intensiv mit dem Thema Beziehungen / Ehe auseinander gesetzt haben) schlägt 5 Rituale vor, mit denen sich die Nähe in Beziehungen wieder intensivieren lässt.

1. Zusammen essen ohne Bildschirm!

Das gemeinsame Essen sollte ohne Handy und Fernsehen stattfinden. Wir sollten Gelegenheit haben uns anzuschauen und miteinander zu sprechen.

2. Sich offen sagen, was stresst.

In dieser Unterhaltung soll es nicht im die Beziehung gehen, sondern um das, was im Job, in der Familie und überhaupt gerade anstrengend ist und stresst. So soll es täglich möglich sein, am Leben des anderen teilzuhaben und ihn besser zu verstehen (bei diesem Vorschlag weiß ich aber nicht, ob das nicht manchmal eher eskaliert und kontraproduktiv ist, denn es wird ja dann auch der Fokus stark auf die negativen Stressfaktoren gerichtet).

3. Zusammen weg fahren.

Einmal im Jahr zusammen ohne Kinder weg fahren, sozusagen ein jährliches Flitterwochenende. 

4. Sich zusammen bewegen.

Sei es ein kurzer Spaziergang nach dem Essen, Tanzen, eine Radtour am Wochenende oder das gemeinsame Ausprobieren von einer neuen Sportart. Verschiedene Studien zeigen, dass solche gemeinsamen Aktivitäten Paare näher zusammenbringt.

5. Täglich ein 6-Sekunden-Kuss.

Ein intensiver Kuss am Tag erhöht die Bindung zum Partner, denn dabei wird direkt Oxytocin, das Bindungshormon ausgeschüttet. 

Auch für diejenigen, die viel Zeit für sich brauchen, ist es also eigentlich nicht so viel, was man tun kann, um die Partnerschaft ganz bewusst und achtsam zu stärken. Besonders gut gefällt mir übrigens auch die Idee der Zwiegespräche, die Nadine in ihrem Blog vorgestellt hat oder die Monatsdates, über die Ramona ab und zu schreibt.

Habt ihr auch Rituale in der Partnerschaft? Besteht vielleicht bei euch das Problem nicht, weil ihr da gleich tickt? Ich bin gespannt auf eure Kommentare.

Für alle, die noch mehr dazu lesen wollen, hier noch ein paar Buchtipps:

Freiraum für die Liebe von Wolfgang Krüger


Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe von John Gottman

Die fünf Sprachen der Liebe - Wie Kommunikation in der Ehe gelingt von Gary Chapman

Die Wahrheit beginnt zu zweit: Das Paar im Gespräch von Michael Lukas Moeller

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