Freitag, 8. Januar 2016

Ich will mich nicht opfern!

Zur Zeit verfolge ich mit großem Interesse die Blogparade "Eltern in der (Auf)-Opferungsrolle: elterliche Grenzen vs. kindliche Bedürfnisbefriedigung", die von Frau Chamailion ins Leben gerufen wurde. Es werden zum Beispiel Fragen aufgeworfen wie: Wie viel elterliche Selbstaufgabe muss sein? Wo sollten die kindlichen Bedürfnisse im Vordergrund stehen? Dürfen Eltern auch mal an ihre Grenzen kommen?
Es ist ein Thema, zu dem jede(r) einen sehr individuellen Zugang hat und bei dem in Diskussionen auch schon mal die Wellen hoch schlagen, daher möchte ich betonen, dass ich zunächst meine ganz persönlichen Erfahrungen beschreibe.

Wie ich meine Grenze erfahren habe:

Als ich vor jetzt mehr als 18 Jahren mein erstes Kind bekam, dachte ich, dass sich alles schon füge würde und ich in das Leben mit und die Versorgung des Babys hineinwachsen würde. Ich hatte jedoch nicht mit den Schmerzen gerechnet. Es gab in der Klinik keine liebevolle Anleitung, was das Stillen betraf und so saß ich schon nach wenigen Tagen mit wunden Brustwarzen vor dem Rotlicht. Auch zu hause ließ mich das Stillen schier verzweifeln. Ich hatte schnell eine Brustentzündung mit schlimmsten Schmerzen und alle Tipps der Hebamme halfen nicht. Ich sah immer wieder das Mosaik des sich selbst opfernden Pelikans aus dem Kölner Dom vor mir und spürte ganz deutlich dass hier meine persönliche Grenze erreicht war. Unterstützung von meinem (damals noch) Freund hatte ich übrigens nicht, denn er hielt Stillen für das Beste. Damals wurde mir bewusst, dass ich meine persönlichen Grenzen nicht übergehen darf, wenn ich mich selbst nicht völlig verlieren will. Als ich meine körperliche Integrität wieder hatte, konnte ich als "Flaschen-Mama" ganz wunderbar auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen, denn ich hatte dazu die Kraft, die ich brauchte.

Wer sich selbst opfert, gibt sein Selbst auf und damit das, was das Kind ganz dringend braucht. Im Verlauf des ersten Lebensjahres braucht das Kind die verlässliche sichere Versorgung und emotionale Geborgenheit der Eltern. Für die Entwicklung ist es jedoch auch wichtig, irgendwann zu erfahren und zu begreifen, dass die Mutter / oder der Vater eine eigenständige Person ist, denn nur dann können im nächsten Schritte der psychischen Entwicklung stattfinden.

Ein anderer wichtiger Punkt wurde hier ganz wunderbar von Nicola Schmidt beschrieben. Wer versucht, in der Erziehung alles perfekt und nach Lehrbuch zu machen, erwartet auch was. Wer sich selbst sehr stark zurück stellt und die eigenen Bedürfnisse aufschiebt oder irgendwann gar nicht mehr wahrnimmt, möchte auch etwas zurück bekommen. Payback sozusagen! Das Kind, in das so viel investiert wurde, soll nun aber bitte auch perfekt sein. Und das funktioniert nicht, denn es spielen zu viele Faktoren eine Rolle, die man nicht beeinflussen kann. Nicht alles im Leben ist kontrollierbar und das führt doch eigentlich zu einer Haltung der Gelassenheit, die auch im Zusammenleben mit Kindern ganz gut tut.

Mein Fazit: Ich halte es für sehr wichtig, als Eltern, die eigenen Grenzen zu spüren und im Blick zu haben. Nur wer selbst darauf achtet, dass es ihm gut geht, kann aus dem Vollen schöpfen und dem Kind Liebe und Zeit schenken, ohne dies als Opfer zu betrachten.

Kommentare:

Sarah hat gesagt…

Liebe Micha,
Ich finde Deinen Beitrag sehr interessant und sehe es ganz ähnlich. Nur jemand, der sich selbst achtet, wird auch von anderen geachtet werden (z.B. auch von seinen Kindern).
Mir hat damals bei meinem ersten Kind das Buch "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" sehr geholfen. Es hat mir aufgezeigt, dass ich die Bedürfnisse meines Kindes durchaus erfüllen kann und gleichzeitig ich selbst bleiben kann. In dem Buch wird von den Yekana Indianern erzählt, die Jean Liedloff mehrere Jahre beobachtete bzw. bei ihnen lebte. Sie stellte fest, dass es ganz natürlich für dieses Naturvolk war, die Kinder ständig bei sich zu haben, ohne "kindzentriert" zu sein. Ich konnte das für mich auch in unserer Welt hier in Deutschland sehr gut umsetzen. Langes Stillen, Babytragen und Familienbett waren für mich keine aufopfernden Taten für mein Kind, sonder vereinfachten unseren Alltag enorm, so dass ich viel Kraft für mich selbst hatte. Ich habe ganz einfach "mein Ding" gemacht, und die Kinder waren dabei. Ich glaube, wenn bestimmte Dinge zur Pflicht werden, wenn das Kind den Tag bestimmt und nicht ich, und wenn ich mich selbst nach dem Kind richte und das ganze nicht zu einem Zusammenspiel von verschiedenen Bedürnissen (meine kommen dabei dann meist zuerst oder es gibt einen Kompromiss), gerät vieles schnell aus dem Gleichgewicht. Das zehrt natürlich an der eigenen Energie und dem Wohlbefinden.

In den Medien wird aber in den letzten Jahren vorwiegend von der liebevollen, sich aufopfernden Mutter berichtet, die alles für ihr Kind tut und zusätzlich den Haushalt schmeißt und natürlich auch arbeiten geht... das setzt Mütter unnötig unter Druck und dass das manche Mütter an ihre Grenzen treibt ist wohl ganz natürlich.

LG, Sarah

Ane hat gesagt…

Klasse Beitrag. Danke!