Samstag, 21. Februar 2015

Rituale aus der Kindheit: Spaziergänge

Tafjora fragt nach Ritualen aus der Kindheit. 
Wenn ich so darüber nachdenke, was mir am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, sind es vor allem die Spaziergänge. Die gab es fast immer sonntags, aber auch abends als Abendspaziergang. Für manche sind wir erst ein Stück mit dem Auto gefahren, meistens sind wir aber direkt von Zuhause los. Dazu muss ich sagen, dass ich in einem sehr kleinen Dorf aufgewachsen bin. Rundherum gibt es Felder, die bewirtschaftet werden, aber auch Bäche, Feldränder mit Sträuchern, ein paar verwilderte Brachen und Obstwiesen. Oft führte uns der Weg erst einmal zum Friedhof am Ortsrand und dann über nicht-asphaltierte Feldwege am Bach entlang wieder zurück. Manchmal gingen wir auch große Runden, steil bergauf die Bergstraße hoch bis zum Wasserhäuschen mit Ausblick.
Mein Vater, von dem die Initiative vornehmlich ausging, liebt(e) es, uns Natur und Landschaft nahe zu bringen. Was ist hier ausgesät worden? Welchen Berg sieht man dahinten? Was wächst da für ein Baum oder Strauch? Mein Bruder und ich spielten “Hühnchen oder Hähnchen?“, wofür wir einen Grashalm in die Hand nahmen und die Rispen nach oben abstreiften. Guckte ein längeres Ende hervor war es ein Hähnchen und sonst ein Hühnchen. Oft wurden Pausen auf einer Bank (die auf Initiative meines Vaters hin von der Gemeinde aufgestellt wurden) eingelegt und einfach geschaut. 
Etwas wehmütig bin ich schon beim Schreiben, denn seit ein, zwei Jahren scheut sich mein Vater wegen gesundheitlicher Probleme, das Haus zu verlassen. Er geht nur noch selten mit und die Rolle der Natur- und Landschaftserklärerin habe ich übernommen. Dabei gibt es so viel zu entdecken. Die Landschaft meiner Kindheit sehe ich seit einiger Zeit auf der wunderbaren Facebook-Seite des Nachbarorts meines Heimatorts auf ganz tollen Fotos. Hier, wo wir jetzt leben, gehen wir auch oft spazieren, spielen “Hühnchen oder Hähnchen“, sammeln im Herbst Brombeeren und schauen, was auf den Feldern wächst.

Kommentare:

Tafjora - eine deutsche Familie in Frankreich: Und noch ein Mama-Blog! hat gesagt…

Liebe Micha,
was für ein wunderschönes Ritual und ein toller Beitrag mit so schönen Foto's.
Das tut mir sehr leid mit und für Deinen Vater.
Raus in die Natur und spazieren gehen ist bei uns auch immer angesagt. Na ja, die Jungs Rennen und wir spazieren ;-)
Was ist denn Hähnchen oder Hühnchen?
Lieben Gruß und danke für's mitmachen!
Tanja

Katja VeggieandSimple hat gesagt…

Mein Vater war auch ein großer Spaziergeh-Fan und hat und allerlei aus der Stadt erzählt, oft gab es sogenannte "Industriespaziergänge", die zu alten Firmen führten. Früher fand ich das langweilig, heute finde ich alte Firmen sehr spannend. Er hat später das perfektioniert und ist Stadtführer geworden. Schade, dass Dein Vater auch gesundheitlich nicht mehr rauskommt, aber schön, dass Du das an Deine Kinder weitergibst. Wir machen hier jeden Abend einen Abendspaziergang, nicht lange, aber als Ritual und mein Sohn läuft freiwillig jeden Tag mit, erzählt dann von der Schule, das ist auch in dem Alter noch sehr schön.
LG
Katja